· 

Spaziergang durch Mordor - Tongariro Alpine Crossing

In den letzten Tagen checkten wir regelmäßig die Wetterapp. Standort Tongariro National Park. Samstag schien ein guter Tag für unsere kleine Unternehmung zu sein. 

Also buchten wir uns von Freitag bis Sonntag in einen Campingplatz in der Nähe des Nationalparks ein. 

Der Tongariro Nationalpark besteht aus einer Ansammlung von aktiven Vulkanen, die sich in den letzten 275.000 Jahren gebildet haben. Der jüngste Vulkan ist der 2291m hohe Mount Ngauruhoe, der vor 2500 Jahren entstanden ist. Der 2797m hohe Vulkan Mount Ruapehu ist der höchste und aktivste Vulkan Neuseelands. 

Der Tongariro Nationalpark ist durchzogen von vielen Wanderwegen. Der bekannteste Track ist sicherlich das Tongariro Alpine Crossing. Dieser Track zählt zu den absoluten Neuseeland Highlights und soll einer der schönsten Wanderwege der Welt sein. 

19,4km, 6-8 Stunden, 800m hoch, 1000m runter, anstrengende Aufstiege, steile Abstiege, unberechenbares und schnell wechselndes Wetter, das klingt doch nach jeder Menge Spaß. 

Wir haben hin und her überlegt, ob wir das Crossing machen sollen. Der Aufstieg zum Roys Peak hat uns ja doch ziemlich zerstört und das Tongariro Alpine Crossing ist noch einige Kilometer länger. Allerdings sind wir ja noch jung, nicht gehbehindert und würden es wahrscheinlich ewig bereuen, wenn wir den Track nicht machen. Wir beschlossen, den Roys Peak nicht als Wanderung, sondern als Bergbesteigung einzustufen und somit abzuhaken. 8km steil bergauf und dann 8km genauso steil bergab, das kann einen auch schonmal umhauen. 

Unsere Entscheidung stellte sich als goldrichtig heraus und deswegen können wir euch jetzt auf eine Reise durch Mordor mitnehmen. 

Vorbereitung ist das A und O

Um nun das Tongariro Alpine Crossing machen zu können, benötigten wir erstmal einen Shuttleservice. Startpunkt ist der Mangatepopo Parkplatz und einige Stunden später kommt man im Optimalfall am Ketetahi Parkplatz wieder aus. 

Wir suchten uns die "Discovery Lodge" als Campingplatz heraus. Ein entscheidender Grund dafür war der hauseigene Shuttleservice. So konnten wir quasi vom Bett in den Bus stolpern. Um den Shuttle in Anspruch nehmen zu können, müssen Wanderer eine Minimalausstattung besitzen. Dazu zählen Wanderschuhe, Sonnenschutz, warme Kleidung, 2 Liter Wasser und eine Regenjacke. Da ich keine richtige Regenjacke habe, konnte ich mir eine vor Ort ausleihen. Sicherheit wird sehr groß geschrieben und das beruhigte uns ungemein. Wir konnten schwer einschätzen, was bei der Wanderung auf uns zukommt und es war gut, sich in professionellen Händen zu wissen. Denn auch wenn viele Wanderer das Tongariro Alpine Crossing runter spielen, ist und bleibt es eine Wanderung im alpinen Gebiet. Das Wetter kann sehr wechselhaft sein. Starke Winde, Temperaturabfall und Schneefall sind auch im Sommer keine Seltenheit. Die Dame an der Rezeption erzählte, dass vor einigen Tagen die Wettervorhersagen gut waren und es dann irgendwann furchtbar angefangen hat zu regnen und das für die nächsten acht Stunden. Ein absoluter Horror, aber wahrscheinlich ist man dann froh um eine gescheite Regenjacke. In der Hauptsaison wandern über 1000 Menschen täglich den Track. Davon müssen durchschnittlich zwei Wanderer in der Woche mit dem Helikopter gerettet werden. 

Der Besitzer der Discovery Lodge ist Callum Harland. Er ist in dieser Gegend geboren und hat Neuseeland bereits fünfmal bei den „World Mountain Running Championships“ vertreten. Mit Erfolg, 2000 gewann er Bronze und 2005 Silber. Das Tongariro Alpine Crossing ist quasi sein zweites zu Hause und seine Bestzeit liegt bei unglaublichen 1.25 Stunden. Normale Zeiten liegen so bei 5-6 Stunden, ohne Pause. 

Während ich ein paar Tage später diesen Bericht schreibe, erzähle ich Daniel von diesem krassen Typen und seiner Bestzeit. Daniel googelt daraufhin nach ihm und als wir ein Bild von ihm sehen, fällt uns fast die Kinnlade runter. 

Der nette Mister Harland hat uns tatsächlich morgens um 5.25 Uhr zum Startpunkt des Tracks gefahren und uns ein kleines Briefing gegeben. Die Wettervorhersagen sahen gut aus und Callum Harland verabschiedete uns mit den Worten „Have a wonderful day“. Ach Callum, hätten wir doch nur gewusst wer du bist. Dann hätten wir bestimmt ein Foto mit dir gemacht und einige Fragen gestellt. So warst Du in diesem Moment nur der nette Herr Busfahrer. 

Das Frühstück zwängten wir uns vor dem Start rein und diesmal gab es direkt zu Beginn eine Power-Banane für mich. Jetzt konnte mich nichts mehr aufhalten.

Frodo und der Schicksalsberg

Der Mount Ngauruhoe, besser bekannt als der Schicksalsberg, spielt in „Der Herr der Ringe“ eine entscheidende Rolle. Frodos Aufgabe ist es, den einen Ring nach Mordor zu bringen, in den Schicksalsberg zu werfen und somit zu zerstören. So viel in der Kurzfassung. Als ich Daniel grade nach der Korrektheit meiner Aussage gefragt habe, hielt er mir einen 30 minütigen Vortrag über die Story. Obwohl ich kein großer Herr der Ringe Fan bin und die Filme auch nur ein- oder zweimal gesehen habe, erkenne aber selbst ich Mordor in der Landschaft des Nationalparks wieder.

Um 5.45 Uhr wanderte wir im halbdunkeln los und starteten bei KM 0. Trotz der Dunkelheit erkennen wir die Umrisse des Mount Ngauruhoe. Es war wirklich Schweine kalt. Ich war froh um meine drei Lagen Klamotten, hätte aber auch nichts gegen eine vierte oder fünfte Lage gehabt. Die ersten drei Kilometer waren sehr einfach. Der Weg verlief flach und wir konnten die aufgehende Sonne hinter der Bergkette entspannt beobachten. Schon jetzt, auf den ersten Metern, war die Landschaft völlig surreal. Wir kamen den Vulkanen immer näher, ein Bach plätscherte an uns vorbei und der erste Schwefelgeruch stieg uns in die Nase. 

Nach der ersten Stunde und bei KM 4 ändert sich das Terrain. Informationstafeln verrieten uns: Jetzt ist Schluss mit lustig, ab jetzt wird es anstrengend. 

Die ersten Sonnenstrahlen wärmten uns und der anstrengende Aufstieg tut sein übriges dazu. 500 Höhenmeter ging es über Stufen und ordentliche Wege zum Bergsattel, der zwischen dem Mount Tongariro und dem Mount Ngauruhoe her führt. Von hier oben hatten wir das erste Mal einen Wahnsinns Blick über die unglaubliche Vulkanlandschaft. 

Der Weg zwischen den zwei Vulkanen verlief wieder ganz flach und wir konnten diese unfassbaren Dimensionen bestaunen. Die karge Landschaft wirkte einfach perfekt. Wir kamen aus dem Staunen einfach gar nicht mehr heraus. 

Aufstieg zum Red Crater

Bisher hatten wir 6km hinter uns gebracht. Alles lief sehr gut. Wir waren noch top fit und bei bester Laune. Der Track ist eine gute Mischung aus anstrengenden und einfachen Passagen, in denen man sich etwas erholen kann. Die Landschaft faszinierte uns einfach so sehr und wir hätten noch den ganzen Tag weiter laufen können.

Der nächste Aufstieg ließ allerdings nicht lange auf sich warten. Um zum höchsten Punkt des Tracks, dem 1886m hohem Red Crater zu gelangen, mussten wir weitere 300 Höhenmeter hinter uns bringen. Auf diesem Stück packte der Wind uns so richtig. Es wurde sofort eisig kalt und recht ungemütlich. Wir versuchten möglichst schnell aus dem Gegenwind rauszukommen und liefen zügig die Steigung hoch. Allerdings benötigte dieses Gelände etwas mehr Zeit und Aufmerksamkeit als der letzte Aufstieg. Wir mussten über einige Steine klettern und das Geröll unter uns rutschte immer wieder weg. 

Als wir dann aber auf dem Red Crater ankommen, trauten wir unseren Augen kaum. Hinter uns der Schicksalsberg und der Mount Tongariro, vor uns die Emerald Lakes und der riesige Blue Lake und wir auf einem aktiven Vulkan. Einfach unbeschreiblich. So etwas haben wir noch nicht gesehen. Wir fühlten uns wie auf dem Mond. 

Rauch stieg aus der Erde hoch und spätestens jetzt erkennen wir mit eigenen Augen wie lebendig dieses Fleckchen Erde hier ist. Auf dem Red Crater war es übrigens plötzlich völlig Windstill. 

Nach einiger Zeit machten wir uns an den Abstieg. Dieser Abschnitt sollte angeblich der „Schlimmste“ sein. Wir hatten vorher gelesen, dass Wanderstöcke für dieses Part von Vorteil sind. Da wir aber noch nie mit solchen Stöcken gewandert sind, hatten wir uns dagegen entschieden. Vom Red Crater ging es erstmal wieder 300m relativ steil bergab. Der Untergrund war, wie schon beim Aufstieg relativ lose und rutschte unter einem weg. Als wir allerdings irgendwann unsere Technik gefunden hatten, rutschten wir einfach mit dem Geröll und dem Sand den Red Crater runter. 

Bunte Seen

Nach dem Abstieg spazierten wir gemütlich an den verschieden farbigen Emerald Lakes vorbei. Ein See war türkis, einer tiefblau und der dritte war giftgrün. Schwefelgeruch lag in der Luft. Je weiter wir vom Red Crater wegliefen, desto mehr konnten wir den Grund für diesen Namen erkennen. Als wir auf einer Erhöhung am Blue Lake standen, hatten wir eine perfekten Blick auf die bizarre, rötliche Gesteinsformation. Von hier aus konnten wir den Weg sehr gut erkennen, den wir vom Red Crater runter gegangen, bzw. runter gerutscht sind. „Da sind wir runter?“ Aus der Ferne betrachtet sah der Weg ganz schön steil aus. 

Diese Aussicht ist definitiv eines unserer Highlights auf dem Track. Die weite Vulkanlandschaft, die klitzekleinen Menschen und der Mount Ngauruhoe im Hintergrund. Ich hätte hier stundenlang stehen bleiben und staunen können. 

So langsam wurde es auch richtig warm. Also Jacke aus, Sonnencreme drauf und weiter gehts. Wir spazierten am Blue Lake vorbei, der ebenfalls von einem großen Krater umgeben ist. Mittlerweile hatten wir die Hälfte des Tracks geschafft. Zehn Wahnsinns Kilometer, die schöner kaum hätten sein können. Fairerweise muss man auch sagen, dass die ersten 10km auch die landschaftlich Beeindruckendsten sind. 

Nach dem Blue Lake begann der langsame, aber stetige Abstieg von 1000 Höhenmetern. Dabei hatten wir einen wunderbaren Blick auf den Lake Taupo, den größten See Neuseelands, unser nächstes Ziel. 

Die letzten Kilometer

Auf den nächsten Kilometern konnten wir an einigen Stellen wieder beobachten, wie Rauch aus der Erde aufsteigt und die schönen Aussicht genießen. Schneller als erwartet kamen wir bei der Ketetahi Hut an. Hier machten wir erstmal ein ausgiebiges Mittagspäuschen im Schatten. 

Unser Shuttle zum Campinglatz zurück war nicht auf eine feste Zeit gebucht. Wir checkten kurz die Uhrzeit und setzten uns den 13.30 Uhr Bus als Ziel. Bis dahin waren es noch zwei Stunden, aber auch noch 6km. Also nix wie los. 

Die letzten Kilometer zogen sich ziemlich. Die Sonne ballerte ganz schön und wir kamen ordentlich ins Schwitzen. So langsam wurden die Knie wackelig und die Oberschenkel meldeten sich auch zu Wort. Die letzten 3km liefen wir durch dichten Wald. Wie vielfältig die Natur hier schon wieder ist. Wir waren froh, nun ein wenig mehr Schutz vor der Sonne zu haben. Außerdem waren wir auch froh, als hinter einer Ecke plötzlich der Ketetahi Parkplatz auftauchte. Wir warteten noch 15 Minuten auf unseren Shuttlebus und dann ging es zurück zum Campingplatz. Insgesamt haben wir 7 Stunden für den Track gebraucht. Mit dieser Zeit sind wir sehr zufrieden und wir hatten vorher befürchtet, deutlich länger zu brauchen. 

Was für ein Tag. Die Landschaft hat uns wirklich umgehauen. Der Track war wirklich sehr gut machbar und wir haben uns die 19,4km viel schlimmer vorgestellt. Nachdem wir relativ schnell gesagt haben, dass wir den Roys Peak nie wieder hochlaufen würden, würden wir das Tongariro Alpine Crossing jeder Zeit wieder machen. Neben dem Hooker Valley Track war diese Wanderung sicherlich eine der allerschönsten, die wir in Neuseeland gemacht haben. Wir sind super stolz auf uns und haben festgestellt, dass wir doch gar nicht solche Wanderwürstchen sind. Vielleicht haben wir ja jetzt ein neues Hobby. 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Hildegard van Lier (Dienstag, 19 Februar 2019 15:43)

    Gratulation!!! zu dieser grandiose Wanderung. Wandern ist zwar anstrengend und fordert ganz schön, aber man wird so entschädigt und belohnt. In eurem Fall ganz sicher. Denn wer kann schon von sich behaupten, den schönsten Wanderweg der Welt gelaufen zu sein.

  • #2

    Hannes u.Doris (Dienstag, 19 Februar 2019 17:59)

    Ihr könnt wirklich stolz auf euch sein.Eine anstrengende Wanderung, die höchste Anforderungen an euch gestellt hat.Ihr seid belohnt worden. Respekt vor soviel Ausdauer.Liebe Grüße.