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Roys Peak Track - Zwei Krüppel in Wanaka

In Neuseeland gibt es insgesamt 775 Seen. Daher war es nicht verwunderlich, dass unser nächstes Ziel ebenfalls an einem See lag. Das gemütliche Städtchen Wanaka ist eingerahmt von wunderschönen Bergen, gelegen am gleichnamigen See. Wieder so ein fantastisches Seepanorama. 

Unser Navi führte uns ungeplant über einen Bergpass, wahrscheinlich weil die Kilometeranzahl niedriger war. Gandalf hatte bei den Steigungen ganz schön zu kämpfen, aber wir gönnten ihm regelmäßig eine Pause und bestaunten diesen unfassbaren Ausblick. Mittlerweile glauben wir, dass es in Neuseeland keine Ecke gibt, die nicht schön ist. 

Am ersten Abend besuchten wir den absoluten Tourimagneten der Stadt. Der Wanaka Tree ist ein Baum, mitten im Lake Wanaka. Eigentlich relativ unspektakulär. Jedoch wirkt das Bäumchen mit dem Bergpanorama im Hintergrund richtig toll. Die Entenfamilie, die sich am Baum niedergelassen hatte, sah das wohl auch so. 

Wir waren dann auch relativ schnell in unserem gemütlichen Camper verschwunden und machten schnell die Augen zu. Denn der eigentliche Grund, warum wir Wanaka besuchten, sollte uns einiges abverlangen. 

Was für eine bescheuerte Idee

Als der Wecker um 2:30 Uhr klingelte und ich gefühlt grade erst eingeschlafen war, fand ich unseren Plan völlig bescheuert. Kurze Zeit später standen wir auf dem Parkplatz vom "Roys Peak Track". Der 1578 Meter hohe Mount Roy ist ein beliebter Spot um den Sonnenaufgang über Wanaka zu beobachten. Blöd ist nur, dass der Track insgesamt 16km lang ist und man circa drei Stunden bis zum Gipfel braucht. Im Internet hatten wir gelesen, dass der Weg recht eintönig ist und die meiste Zeit steil bergauf geht. Wird schon nicht so schlimm werden. Wenn ich mir die vielen Bewertungen bei Tripadvisor ansehe, scheint dieser Track ja machbar zu sein. Um kurz nach 3 Uhr starteten wir den Aufstieg. 

Daniel hatte sich vorher ein Brot reingezwängt. Ich konnte so früh definitiv nix festes essen und begnügte mich mit einem Päckchen Babynahrung. Mango mit Banane, gar nicht so schlecht. 

Schon nach den ersten Metern wurde uns klar, dass die Beschreibung im Internet keines falls übertrieben war. Der Weg ging wirklich dermaßen steil bergauf, dass ich schon nach fünf Minuten völlig fertig war. Den Vorschlag den Sonnenaufgang von hier zu schauen, wollte Daniel nicht akzeptieren. Man kann es ja mal versuchen. Nach zehn Minuten und zehn luftnötigen „Ich kann jetzt echt nicht mehr“ gab es ein kleines Krisenmeeting. Wir beschlossen, dass die Babynahrung wohl doch keine gute Grundlage war, um mitten in der Nacht sportliche Höchstleistungen zu vollbringen. Gut, dass wir zwei Bananen eigepackt hatten. Wir sind ja nun wirklich nicht sonderlich fit. Wir laufen halt unheimlich viel, seitdem wir auf Reisen sind, aber machen gezielt keinen Sport. Das rächt sich jetzt wohl. Auf anderen Wanderungen hatten wir nie Probleme und daher dachten wir, dass wir den Roys Peak Track auch easy laufen können. Dieser Berg verlangte uns allerdings schon in den ersten Minuten alles ab. 

Bananenpower

Glücklicherweise wirkten die Bananen relativ schnell und verhalfen mir tatsächlich zu mehr Energie. Versteht mich nicht falsch, ich bin diesen Berg jetzt auch nicht wie eine Elfe hochgeschwebt. Ich schleppte mich trotzdem wie ein altes, adipöses Nilpferd über den Schotterweg, aber ich musste nicht mehr alle paar Minuten stehen bleiben. So arbeiteten wir uns Meter für Meter weiter an den Gipfel heran.

Gut, dass wir nur den kleinen Ausschnitt des Weges sehen konnten, den unsere Kopflampen uns zeigten. Wenn ich den ganzen Weg gesehen hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht mehr weiter gelaufen. Die 8km bis zum Ziel schlängelten sich nämlich kunstvoll von links nach rechts, mit extrem steilen Passagen und kaum grader Fläche. Über unsere neuen Wanderschuhe waren wir super happy. Bisher kamen wir immer gut mit ihnen zurecht und sind Blasenfrei durch Neuseeland gestiefelt. Durch die stetige Steigung bekam Daniel aber diesmal eine Blase an der Ferse. Wir hielten mehrmals an um ihn zu verarzten. Die ersten Pflaster rollten sich allerdings immer wieder auf, deswegen benötigten wir einige Stopps, um eine zufriedenstellende Versorgung zu schaffen. Irgendwann hatten wir es dann aber, und der Krüppel mit der Blase und der Krüppel ohne Kondition konnten ihre weitere Bergbesteigung antreten.

So langsam bekamen wir auch etwas Streß. Bereits eine Stunde vor Sonnenaufgang begann der Himmel sich fantastisch zu verfärben. Wir hatten ernsthaft Sorge, es nicht rechtzeitig zu schaffen und den Sonnenaufgang von unterwegs sehen zu „müssen“. Das sich zu unserer Linken ein weiterer großer Berg auftat, der uns den Großteil der Sicht auf den Sonnenaufgang nehmen würde, machten die Sache nicht besser. Ganz am Ende des Weges konnten wir allerdings den Hügel ausmachen, auf dem sich der 1. Aussichtspunkt befand. Jetzt also Beine in die Hand und nix wie hin da. 

Im Internet hatte ich gelesen, dass man zwei Stunden bis zum 1. Aussichtspunkt und drei Stunden bis zum Gipfel brauchen würde. In unserem Fall absolut lächerlich. Entweder sind wir wirklich solche Schnecken oder die Zeitangabe ist ziemlich unrealistisch. 

Nach drei Stunden erreichten wir pünktlich zum Sonnenaufgang den 1. Aussichtspunkt. 

Magischer Sonnenaufgang

Da die meisten Wanderer bis zum Gipfel gingen, teilten wir uns den berühmten Aussichtspunkt nur noch mit einem anderen Pärchen. Normalerweise ist der Hügel massiv voll und man muss für ein Foto Schlange stehen. Also war unser langsamer Aufstieg wohl doch eine glückliche Fügung.

Der Ausblick war einfach atemberaubend. Der riesige Lake Wanaka zu unsere Füßen. Die Bergketten ringsherum, manche Berge mit Schnee bedeckt. Die Lichter der Stadt. Und die Sonne, die den Himmel sekündlich in anderes Licht tauchte. Ich kann diesen Moment gar nicht beschreiben. Wir waren völlig am Ende, aber so glücklich. Auch wenn wir ewig gebraucht haben, haben wir es geschafft. Mit Stolz geschwellter Brust suchten wir uns ein gemütliches Plätzchen für dieses Naturschauspiel. 

Der Wind pfiff ordentlich und wir waren froh, noch einige warme Sachen im Rucksack zu haben. Nach diesem magischen Moment und dem Sonnenaufgang gab es erstmal Frühstück. Die Brote schmeckten mit der Aussicht noch besser. Ein Kaffee wäre wünschenswert gewesen, aber man kann ja nicht alles haben. 

So langsam trudelten die Nachzügler ein, die es nicht mehr rechtzeitig zum Sonnenaufgang geschafft hatten. Wir grinsten zufrieden und konnten uns entspannen. Wir hatten bereits schöne Fotos von uns und dem beliebten Aussichtspunkt im Kasten. 

Uns und der Gipfel trennten noch 1,5km. Der Weg verlief genauso steil, wie der Rest. Da wir ja wussten, dass wir den ganzen Schlamassel wieder runter laufen mussten, entschieden wir, dass der Gipfel des Mount Roy ohne uns auskommen muss. Diese zusätzlichen drei Kilometer waren es uns dann doch nicht wert. Unsere Knie waren jetzt schon ziemlich wackelig und ein paar Energiereserven für den Rückweg waren wohl nicht verkehrt. Gegen 7 Uhr machten wir uns langsam wieder auf den Rückweg. 

Runter ist auch nicht leichter

Den ganzen Weg also wieder zurück. Erst dachten wir, dass es runter ja angenehmer sein müsste. Falsch gedacht. Zerstörte der Aufstieg unsere Oberschenkel, ruinierte der Abstieg unsere Knie. Hätte man sich ja denken können. Das ständige Abbremsen war nach einiger Zeit richtig anstrengend und am liebsten hätten wir uns den ganzen Weg zum Auto einfach runter gerollt. Meine Oberschenkelmuskulatur verkrampfet sich irgendwann vollständig und Daniels linkes Knie schmerzte ordentlich. Immerhin tat ihm jetzt nicht mehr die Ferse weh. Was für eine Invalidenveranstaltung. 

Zwischendurch hielten wir mal an, um ein Foto im Hellen zu machen und die Aussicht zu genießen. Irgendwann wollten wir aber einfach nur noch runter von dem Berg. Uns kamen einige Wanderer entgegen, die der Aufstieg ebenfalls in die Knie zwang. Kein Wunder. Die Sonne war aufgegangen und es war direkt einige Grad wärmer. 

Nach zwei Stunden Abstieg kamen wir wieder am Parkplatz an. 

Hat es sich die Anstrengung gelohnt? Definitives Ja. Die Aussicht war wundervoll, die Stille einmalig und der Sonnenaufgang wohl der Schönste, den wir je gesehen haben. Eine sehr intensive und tolle Neuseeland Erfahrung. 

Würden wir nochmal den Roys Peak Track wandern? Definitives und 1000% Nein! Nein, Nein, Nein! Wir sind ja nicht bescheuert. 

Akklimatisierung auf dem Campingplatz

Wir waren froh, dass wir nur wenige Kilometer zu unserer Campsite fahren mussten. Hier angekommen gab es erstmal eine heiße Dusche, ein ausgiebiges Frühstück und diverse Kaffeespezialitäten. Ein kleines Mittagsschläfchen hatten wir uns auch verdient. Den Nachmittag verbrachten wir bei herrlichen Temperaturen unter einem Baum, im Schatten. Daniel sichtete und bearbeitete die Bilder und ich schrieb euch diesen Blogbeitrag. Diesmal haben wir uns und Gandalf mal einen Stellplatz mit Strom in einem Holiday Park gegönnt. So kann Daniel seinen Laptop laden und Gandalf kann seine Batterien auffüllen. An den vorherigen Orten waren solche Stellplätze immer sehr teuer. In Wanaka bekamen wir für 11€ pro Person und Nacht ein super Preis-Leistungsverhältnis. Es gab sogar Internet, das Stadtzentrum und der See waren fußläufig zu erreichen. Auch die heißen Duschen, ohne Zeitlimit und die günstigen Waschmaschinen wussten wir sehr zu schätzen.

Irgendwann regenerierten sich unsere Körper wieder etwas und wir schlenderten durch das kleine Zentrum von Wanaka. Zur Belohnung gönnten wir uns ein lokales, frisch gezapftes Bier. 

Ach Neuseeland, du machst uns fertig. Im sehr positiven Sinne, aber auch im „Morgen-können-wir-uns-gar-nicht-mehr-bewegen“-Sinne. 

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Kommentare: 5
  • #1

    Hildegard van Lier (Freitag, 01 Februar 2019 07:59)

    Respekt!!!! Ihr seid unsere Helden in Wanderschuhen. Ich bin mir ja nicht so ganz sicher ob ich das im dunkeln und ohne Frühstück geschafft hätte. Aber Papa hätte gesagt: "Jetzt mach hinne!!!" Schließlich wartet ja auch eine Belohnung. Wahnsinns Fotos!!! Uns tun jetzt nur nicht die Oberschenkel und Knie (willkommen im Klub) so weh. Und, ganz ehrlich, so fertig seht ihr gar nicht aus ;-) Das Bier habt ihr euch auf jeden Fall verdient!

  • #2

    Hannes u.Doris (Freitag, 01 Februar 2019 08:18)

    Wahnsinnsleistung. Einer puscht den Anderen.Es hat sich gelohnt, wie wir auf den Bildern sehen.Traumhaft schön. Liebe Grüße aus dem verschneiten Hüthum.

  • #3

    Claudi (Freitag, 01 Februar 2019 09:55)

    Was für MEEEEGA GEILE Fotos... Hammer... =D ICh vergrößer die Fotos jetzt auf dem Laptop und steig einfach in eins der Bilder rein. Ihr nehmt mich mit, oder?

  • #4

    Doris und Hannes (Freitag, 01 Februar 2019 12:57)

    Oh ha, was für ein toller Blogbericht, von den Fotos bis zu den mitreißenden Zeilen. Wenn einem schon während des Lesens alles weh tut....., dann habt ihr alles richtig gemacht, vom Aufstieg bis zur Berichterstattung. Anerkennung, für die Überwindung so vieler "Schweinehunde".

  • #5

    Jutta (Sonntag, 03 Februar 2019 09:56)

    Hey ihr zwei, ich habe mit Begeisterung euren Bergauf- und Abstieg gelesen und kann gut nachvollziehen wie lohnenswert es ist seinen eigenen Schweinehund zu bekämpfen! Die Belohnung dafür, lässt die Strapazen schnell in den Hintergrund rücken. Hut ab für euer Durchhaltevermögen und danke für die wunderschönen Bilder. Eure Berichte von Neuseeland bestätigen mal wieder, wie vielfältig und wunderschön diese Insel ist. Danke für die Teilhabe! Bin gespannt auf die nächsten Abenteuer und Bilder, weiter so!!! LG