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Mit einem Local durch Tokio

Schon in Kapstadt haben wir an zwei Free Walking Touren teilgenommen und fanden diese Möglichkeit zur Stadterkundung eine super Sache. So bekommt man zusätzlich noch viele interessante Infos und Tipps zur Stadt. Eine Free Walking Tour ist eine kostenlose Stadtführung, meist in einem speziellen Viertel oder zu einem besonderen Thema. Nach der Tour kann man so viel Trinkgeld geben, wie man mag. 

Wir haben wir uns für zwei Free Walking Touren bei „Tokyo Localized“ angemeldet und erhofften uns ein paar Antworten auf unsere vielen Fragen. 

Akihabara - von Otakus und Spielautomaten

Unsere erste Tour startete im Viertel Akihabara, dem Elektronikviertel von Tokio. Hiroshi wird für die nächsten 3 Stunden unser Guide sein und uns einige Highlights von Tokio zeigen. Der quirlige Japaner ist echt echter Showmaker und eine kleine Witzemaschine. Er spricht sehr gut Englisch und hat eine Zeit lang in den USA und Neuseeland gelebt. Die Tour verspricht auf jeden Fall interessant und lustig zu werden. Mit ca. 20 anderen Teilnehmern beginnen wir unseren Spaziergang durch Akihabara. 

Überall hängen wild blickende Leuchtreklamen, aus jeder Ecke dudelt eine andere Melodie oder es wird der neuste Hit einer japanischen Girlgroup gespielt. Akihabara ist das Herz des Elektrohandels in Japan und Firmen wie Panasonic, Sony oder Toshiba haben in diesem Viertel ihre Geburtsstätte. Von hier aus wurden die Produkte erst in Japan, dann weltweit bekannt.

In Akihabara fühlen sich viele Otakus wie zu Hause. Otakus sind Fans von Videospielen, Comics, Mangas oder Animes, die sehr viel Zeit für ihr Hobby aufwenden. Bei uns ist der Begriff Nerd ähnlich von der Bedeutung. Otakus sind meist skurril gekleidet und Hiroshi verrät uns, dass die meisten Locals diesen Schlag Mensch auch eher seltsam finden. Für die Otakus ist Akihabara ihr Wohnzimmer, weil es hier haufenweise, mehrstöckige Spielhallen gibt, in denen Videospiele gezockt werden können.

Wir trauten uns in eine Spielhalle hinein und die absolute Reizüberflutung ließ nicht lange auf sich warten. Die Etagen sind nach Themen eingeteilt und besonders in der Ebene mit den Ego-Shooter-Games war ordentlich was los. Aus jedem Automaten ballerte eine andere Waffe oder schrie ein Zombie. Was für eine Geräuschkulisse. Erstaunlich das die Spieler überhaupt noch wissen, welcher Ton grade aus ihrem Automaten kommt. Da war mir die Etage mit den Musikautomaten schon deutlich lieber. Von der Lautstärke nicht weniger leise und überfordernd, aber es machte mehr Spaß den Japanern beim Tanzen, als beim Ballern zu zusehen. Mit Inbrunst wurde an den Automaten das DJ-Pult bedient, Gitarre gespielt oder eben getanzt. Teilweise in solch einer enormen Geschwindigkeit, dass mir der Mund offen stand. Ja, Japan ist wirklich anders: verrückt, verwirrend, seltsam, aber so spannend. 

Japanischer Nerd auf Bild
Riesige WErbeanzeige von Sega auf Häuserwand in Tokio an einer Kreuzung

Yushima Seido - Konfuzius sagt...

Wir lassen das verrückte, bunte und aufregende Viertel Akihabara hinter uns und begeben uns zum Yushima Seido Tempel, ein wunderbar ruhiger Ort. Der Yushimo Seido ist ein konfuzianischer Tempel und beherbergt die größte Konfuziusstatue der Welt. Früher diente der Tempel als Samuraischule. Wir setzen uns in den Innenhof und Hiroshi erzählt uns viel über die Geschichte Tokios, über die Lebensweise und den Glauben der Japaner. 

Im Jahr 1964 fanden die Olympischen Sommerspiele in Tokio statt. Tokio wurde im 2. Weltkrieg fast komplett zerstört und daher nutzen die Japaner diesen großen Anlass um ihre Stadt wieder komplett herzurichten. Japan wollte der Welt zeigen, dass ihr Land wieder zurück ist. 

Grösste Konfuzius Statur der Welt in Tokio

Eine neue Chance

Auch im Jahr 2020 werden die Olympischen Sommerspiele in Tokio ausgetragen. An jeder Ecke wird gebaut und die Stadt bereitet sich auf das riesen Event vor. Hiroshi erklärt uns, dass 2020 erneut ein guter Zeitpunkt ist, um der Welt erneut zu zeigen, dass Japan zurück ist.

2011 wurde das Land von einem der schwersten Erdbeben erschüttert. Das Tohuku Erdbeben und der darauf folgende Tsunami forderte 19.680 Tote. Auch Tokio war stark betroffen und neben den vielen Toten, wurden sehr viele Gebäude beschädigt. Durch das Erdbeben und den Tsunami kam es im Atomkraftwerk von Fukushima zu einer weiteren Katastrophe. In vier Reaktorblöcken kam es zur Kernschmelze, dabei wurden große Mengen an radioaktivem Material freigesetzt. Das Sperrgebiet rund um das abgeschaltete Atomkraftwerk liegt bei 20km. Es ist fraglich ob dieses Gebiet jemals wieder betretbar sein wird. Das Evakuierungsgebiet ist noch deutlich größer und umfasst einen Radius von über 50km. So mussten viele Menschen überstürzt ihr Hab und Gut zurücklassen.

Spätestens 2022 sollen einige dieser Gebiete jedoch wieder bewohnbar sein und die evakuierten Menschen sollen in ihre Häuser zurück können. Zur Zeit laufen bereits die Dekontaminationsarbeiteten auf Hochtouren und das Sperrgebiet verkleinert sich merklich. Die Erde in dem Gebiet wird abgetragen, radioaktiv belastender Schutt wird verpackt und mit Hochdruckreinigern werden Häuser, Straßen und Felder abgesprüht. 

Zuerst sah es so aus, als würde Japan aus der Atomenergie aussteigen. Zur Freude vieler Japaner wurde 2012 der letzte Reaktor eines Kraftwerks abgeschaltet. Insgesamt verfügte Japan vor der Katastrophe über 17 Atomkraftwerke, mit 54 Reaktoren. Die Japaner haben das Vertrauen in die Atomenergie verloren und fürchten sich. Daher wurde nur unter großen Protesten und Demonstrationen 2015 der erste Reaktor eines Kraftwerks wieder in Betrieb genommen. Mittlerweile sind leider wieder 8 Kernreaktoren in Betrieb, ein Ausstieg aus der Atomenergie ist somit wohl in weite Ferne gerückt. 

Kanda Myōjin Schrein

Nach diesen bedrückenden Geschichten läuft unsere Gruppe recht still zum nächsten Ziel unserer Tour. Zwar erinnerten wir uns alle an die verheerenden Folgen des schlimmen Erdbebens, aber hier vor Ort zu sein und von einem Local erzählt zu bekommen, wie er die Situation erlebt hat, lässt uns alle nachdenklich werden. Wie machtlos man doch als kleiner Mensch gegenüber der Natur ist. 

Daher ist der Kanda Myōjin Schrein für uns ein guter Ort um etwas in Gedanken durch die schöne Anlage zu schlendern. In diesem Shinto Schrein werden unter anderem die Götter Daikokuten und Ebisu geehrt. Daikokuten und Ebisu gehören zu den Göttern des Glücks. Daher beten an diesem Schrein viele Geschäftsleuten für Wohlstand und wirtschaftlichen Erfolg. Diese Götter sind aber auch für eine sichere Reise zuständig und daher ist es eine schöne Idee als Hiroshi uns Schritt für zeigt, wie wir vor diesen Gottheiten beten. 

Wir werfen ein 5 Yen Stück in die Spendenbox, verbeugen uns zweimal, klatschen zweimal in die Hände, sprechen unser Gebet und verbeugen uns zum Abschluss erneut. Na dann kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. 

Shinto Schrein mit orangenem Tor davor

Ameyoko - Hier gibt es alles

Nach den zwei ruhigeren Orten entführt Hiroshi uns wieder in eine völlig kontroverse Ecke von Tokio. Die Ameyoko ist die bekannteste Einkaufsstraße in Tokio und hier gibt es wirklich alles: Klamotten, Fisch, Obst, Schuhe, Souvenirs, Kunsthandwerk und vieles mehr. Die engen Gassen sind vollgestopft mit Leuten, 1000 verschieden Gerüche und bunten Werbeschildern. Fast wirkt es ein bisschen chaotischer, als im sonst so aufgeräumten Tokio. Mittlerweile ist es dunkel und die pulsierende Straße kommt so noch besser zur Geltung. 

Sehr belebte Strasse in Tokio mit vielen Geschäften
Verkaufsstände auf japanischen Markt
Fischhändler wiegt seinen Fisch ab

Ueno Park - Erholung in der Großstadt

Unser letztes Ziel für unsere erste Free Walking Tour in Japan ist der Ueno Park. Mit seiner weitläufigen Parkanlage ist dieser Ort für viele Japaner ein willkommener Ausflug ins Grüne. Vor alle zur Kirschblüte soll der Park besonders sehenswert sein. Hier endet unsere spannende und informative Tour. Hiroshi hat uns sehr viel erklärt und nach der Tour sind wir um einiges schlauer. 

Wir freuen uns, als wir erfahren, dass Hiroshi unsere zweite Free Walking Tour, in ein paar Tagen, ebenfalls als Guide begleitet. 

Wie wir Tokio gesehen haben...

Kommentare: 2
  • #2

    Hildegard van Lier (Sonntag, 11 November 2018 18:46)

    Da können wir uns Doris und Hannes nur anschließen. So viele Infos. Wir hatten die ganzen Daten zwar ganz hinten im Hinterkopf, aber dort schlummerten sie auch. Der Tsunami, mein Gott, schon wieder so lange her. Aber was für ein verrücktes Land. Hier die totale Reizüberflutung und da die Tradition mit den vielen Gottheiten. Viel Spaß bei den weiteren Abenteuern ihr Lieben. Und gut auf euch aufpassen.

  • #1

    Hannes und Doris (Samstag, 10 November 2018 13:53)

    Super..., wiedermal ein informativer aber auch nachdenklicher Reisebericht..., Tokio ist ja so weit weg!!! Die Free Walking Tour bietet sich an, um Orte kennen zu lernen und vor allem deren Geschichte. Japan hat viel Schlimmes erfahren, hoffen wir, dass es den Menschen vor Ort wieder gut geht und das es so bleibt. Wir freuen uns auf weitere Reiseberichte..., hautnah und authentisch. Wir wünschen euch weiterhin eine gute Reise und viele sympathische Begegnungen.