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Hiroshima - Stadt des Friedens

Eigentlich war ein Besuch in Hiroshima ursprünglich nicht geplant. Aber ursprünglich hatten wir auch zwei Wochen für eine Reise durch Japan veranschlagt. Daraus wurden drei Wochen in Japan, inklusive ein paar Tage in Hiroshima. 

Wie gut, dass wir uns so entscheiden haben. Die Zeit in Hiroshima war sehr eindrücklich. Die Stimmung in der Stadt ist auf den ersten Blick bedrückend und angsteinflößend. Die ständige Frage im Hinterkopf: Wird so etwas irgendwann nochmal passieren? 

Auf den zweiten Blick ist die Stadt aber so voller Hoffnung. Hoffnung in eine Zukunft ohne Krieg und ohne Atomwaffen. Der Geist Hiroshimas und seiner Einwohner ist beeindruckend und allgegenwärtig. Sie überstanden das Leid, überwanden den Hass, strebten nach Harmonie, um eine Stadt des Friedens zu sein, um so einen dauerhaften Weltfrieden zu schaffen.

Das unbeschreibliche Leid so vieler Menschen anhand von Erzählungen, Bildern, Videos und Denkmälern vor Augen geführt zu bekommen und hautnah zu spüren, war für uns sehr ergreifend.

Wir nehmen uns Zeit Hiroshima auf uns wirken zu lassen, mit all seinen Facetten. Mit den alten Gebäuden, den vielen Denkmälern, dem Museum, aber auch mit den bunten Einkaufsstraßen, den vielen Restaurants und den zugewandten, lieben Menschen. 

Unsere Köpfe qualmen abends und sind voll mit vielen schrecklichen Bildern und Erkenntnissen. Wir lernen so viel dazu, was wir irgendwann zwar im Geschichtsunterricht gehört haben, aber doch wieder vergessen wurde. Jetzt, circa 15 Jahre nach unserer Schulzeit, die ganze Geschichte an diesem Ort erneut zu hören, lässt uns das Gelernte sicherlich nie wieder vergessen. Und das ist wohl die wichtigste Botschaft: Die Gräueltaten  von Hiroshima und Nagasaki dürfen niemals vergessen werden. Diese Orte und das Leid, das die Menschen erfahren mussten, sollten Beweis genug sein, damit sich so etwas nie wiederholt. 

Peace Memorial Parc

Am 6. August 1945 detonierte die weltweit erste abgeworfene Atombombe über Hiroshima, genauer gesagt über dem Stadtteil Nakajima. Dieser Stadtteil befand sich auf einer Insel zwischen den Flüssen Motoyasu-gawa und Honkawa und wurde durch die Explosion vollständig zerstört. 

Der Architekt Kenzo Tange war bereits 1951 beauftragt worden, die zerstörte Insel und den Stadtteil als Gedenkstätte und Naherholungsgebiet neu aufzubauen. Im Jahr 1954 enthüllte er seine Arbeit und präsentierte den Friedenspark. Der 12 Hektar große Park soll die Möglichkeit bieten, um die Opfer zu trauern und über die Auswirkungen einer Atombombe nachzudenken, aber auch als Wahrzeichen für den Frieden gelten. Wir sind sehr beeindruckt von der ehrfürchtigen und liebevollen Gestaltung des Parks und der einzelnen Denkmäler. Jedes Denkmal hat seine eigene berührende Geschichte, die auf anschaulichen Informationstafeln erklärt wird. 

Vielleicht liegt es an dem kühlen Herbsttag oder an der besonderen Stimmung im Friedenspark, die uns immer wieder Gänsehaut beschert. 

A Bomb Dome in Hiroshima. Im Hintergrund ein Fluß und der Friedenspark

Ground Zero

Relativ unscheinbar, in einer Seitenstraße, ist durch eine Informationstafel der Ground Zero markiert. Diese Stelle befindet sich nicht direkt im Friedenspark, sondern 160 Meter von der Atombomben-Kuppel entfernt. Der Ground Zero oder auch Hypozentrum bezeichnet den Ort, der bei der Explosion am nächsten dran war. Genau an diesem Punkt, wo wir jetzt also stehen, ist in 600 Metern Höhe die Atombombe explodiert. Ein seltsames Gefühl. 

Gedenktafel am Ground zero in Hiroshima

A-Bomb Dome

Das wohl bekannteste Gebäude Hiroshima, wenn nicht sogar Japans ist die Atombomben-Kuppel. Mahnend und erhaben markiert das Gebäude den Beginn des Friedensparks. Vor dem Abwurf der Atombombe war die Industrie-und Handelskammer in diesem Gebäude ansässig. Obwohl das Gebäude in unmittelbarer Nähe zum Hypozentrum der Explosion lag, wurde es nicht vollständig zerstört. 

Die Ruine wurde nach dem Krieg erst in seinem verwüsteten Zustand belassen, bevor 1967 die Bewohner Hiroshimas in einer Spendenaktion Geld sammelten, um das Gebäude zu erhalten und zu restaurieren. Aus jeder Ecke des Friedensparks kann man auf die Atombomben-Kuppel schauen. 

A Bomb Dome in Hiroshima. zwei Menschen stehen im vordergrund und schauen ihn an

Bell of Peace

Die Friedensglocke soll das angestrebte Ziel der Stadt Hiroshima symbolisieren: Ein Ende der Kriege und der nuklearen Waffen. Die Nationen sollen in wahrem Frieden zusammenleben. 

Die Aufforderung, die vor der Glocke auf eine Tafel geschrieben wurde, ist klar: Tritt näher und läute die Glocke, damit sie in jeder Ecke der Welt und in jedem Ohr zu hören ist. 

Das lassen wir uns nicht zweimal sagen und so läuten wir die große Glocke, mit der noch größeren Bedeutung. 

An der Schlagstelle auf der Glocke ist ein Atomsymbol abgebildet. Das ist auf jeden Fall ein passendes Statement. 

Bell of Peace - Schrifttafel im Vordergrund, die Glocke unter schützendem Dach im Hintergrund
Friedensglocke

Children's Peace Monument

Dieses Denkmal ist allen Kindern gewidmet, die aufgrund des Atombombenabwurfs ihr Leben lassen mussten. Stellvertretend für all die namenlosen Kinder steht Sadako Sasaki. Das Mädchen war damals zwei Jahre alt und überlebte die Explosion scheinbar unbeschadet. Zehn Jahre Später erkrankte sie an Leukämie. 

Eine japanische Legende besagt, wenn ein Mensch 1000 Papierkraniche faltet, erfüllt sich sein Wunsch. Die 12 jährige Sadako glaubte fest an diese Legende und wünschte sich so sehr, wieder gesund zu werden. Sie faltete die Papierkraniche, wann immer sie die Kraft dazu fand. Leider konnte ihr Wunsch nicht erfüllt werden und sie starb an ihrer Erkrankung. 

Sadakos Schulklasse sammelte nach ihrem Tod Spenden und setzte sich für die Erbauung eines Denkmals ein, welches an alle Kinder erinnern sollte, die Opfer der Atombombe wurden. 

Dank der vielen Spenden, unter anderem von über 3200 japanischen Schulen, konnte das Denkmal 1958 enthüllt werden. Die neun Meter hohe Statur zeigt das Mädchen Sadako Sasaki. Sie hält in ihren ausgestreckten Händen einen Kranich. 

Am Boden des Denkmals wurden die passenden Worte eingraviert: „Das ist unser Ruf, das ist unser Gebet, für eine Welt des Friedens.“ 

Jedes Jahr kommen ungefähr zehn Millionen Menschen aus aller Welt, darunter sehr viele Schulklassen, an das Kinder-Friedensdenkmal und legen ihre gefalteten Papierkraniche nieder. Mehr denn je, steht der Kranich auch in der heutigen Zeit als Friedenssymbol und als Widerstand gegen Atomwaffen. Da wir Hiroshima unter der Woche besucht haben, waren mit uns viele Schulklassen im Friedenspark unterwegs. Wir beobachteten wie einige Schulklassen sich vor dem Kinder-Friedensdenkmal aufstellen, ihre farblich einheitlichen Hüte ablegen und beten. Auch sie haben vorher Papierkraniche gefaltet und legen sie vor Sadakos Füßen nieder. Zum Schluss sangen sie alle zusammen ein Lied. Ein absoluter Gänsehautmoment, der uns sehr bewegt. 

Kinder Friedensdenkmal in Hiroshima. Sadako Sasaki Statur mit Kranich
Kinder Friedensdenkmal in Hiroshima. Sadako Sasaki Statur mit Kranich. Eine Schulklasse verbeugt sich

Flame of Peace

Wenige Meter vom Kinder-Friedensdenkmal entfernt, befindet sich die Flamme des Friedens. Das Gebilde soll zwei Hände symbolisieren, die die ewige Flamme, in ihrer Mitte halten und schützen. Seit dem 1. August 1964 wurde die Flamme nicht mehr erloschen. Sie soll bis zu dem Tag brennen, an dem die letzte Atomwaffe von der Erde verschwunden ist. 

Eine sehr schöne Geste. Allerdings befürchten wir, dass die Flamme noch eine ganze Weile weiter brennen wird. Aber viellicht sollten wir uns von der hoffnungsvollen Stimmung anstecken lassen, die in Hiroshima herrscht. 

Friedensflamme in Hiroshima

Victims Memorial Cenotaph

Direkt hinter der Flamme des Friedens, befindet sich das steinerne Sarkophag, das allen Opfern gedenken soll. Dieses Denkmal beinhaltet eine Liste mit den Namen aller Verstorbenen. Die Liste wird ständig erneuert und umfasste 2015 fast 300.000 Namen. 

Auf dem Stein steht geschrieben: „Lasse alle Seelen hier in Frieden ruhen, denn wir werden die Katastrophe nicht wieder zulassen“. Dieses Gebet, Versprechen und Wunsch drückt den Geist von Hiroshima aus.

Unser Blick schweift über die duftenden, niedergelegten Blumen, vorbei an dem Sargophag, in die Ferne. Von hier aus kann man in einer Linie über die Flamme des Friedens, hinüber zur Atombomben-Kuppel schauen. 

Am Abend sehen wir viele Einwohner von Hiroshima, die nach Feierabend auf dem Heimweg zu sein scheinen. Viele halten vor dem Sarkophag kurz Inne und verbeugen sich. Wahrscheinlich sprechen sie ein kurzes Gebet und gedenken still der Opfer. Viellicht haben auch sie einen lieben Menschen bei dieser Katastrophe verloren. 

Victims Memorial Centograph. Der Steinere Sarkophag dahinter die Friedensflamme und der A Bomb Dome

National Peace Memorial Hall

Die Friedensgedenkhalle für die Opfer des Atombombenanschlags ist noch ein relativ neues Gebäude und wurde 2002 eröffnet. Hier sollen Besucher die Möglichkeit haben, Erfahrungsberichte und Erinnerungen von Überlebenden und Opfern zu recherchieren, um ein besseres Verständnis dafür zu bekommen, wie viel Leid die Atombombe über die Bevölkerung Hiroshimas gebracht hat. In der Gedenkhalle wird mit 140.000 Kacheln das zerbombte Hiroshima im 360 Grad Bild dargestellt. Die Anzahl der Kacheln stehen für die Opfer die bis Ende 1945 ihr Leben lassen mussten. Auf Bildschirmen werden die Porträts und Namen aller eingetragenen verstorbenen Atombombenopfer veröffentlicht.

Wir stehen vor dem Bildschirm und schauen der Liste zu. Es ist kein Ende in Sicht. 

Peace Memorial Museum

Das Friedensmuseum dient dem Gedenken und der Dokumentation des Atombombenabwurfs und liegt mitten im Friedenspark. Grade wird es renoviert und Erbeben sicher gemacht, deswegen sind die Ausstellungen befristet  in ein anderes Gebäude umgezogen. 

Es wird sehr detailliert und informativ auf den gesamten 2. Weltkrieg, den 6. August und die Zeit nach der Atombombe eingegangen. 

Die Entwicklung der weiteren Atomwaffen wird ebenfalls gut beschrieben und es erschreckt uns, dass es immer noch 14.500 Atomsprengköpfe weltweit gibt.  

Anhand vieler Informationstafeln, Bilder und Videos sehen wir, wie viel Macht eine Atombombe haben kann und wie sehr die Menschen nach dem Abwurf gelitten haben. Teilweise werden die völlig verbrannten und schwer verletzten Menschen und auch Kindern gezeigt. Die Auswirkungen der nuklearen Strahlung können wir auf den Bildern erkennen: Haarausfall, Blutungen, Krebsgeschwüre auf der Haut und im Mund. Grausame und beängstigende Bilder. Wir können es kaum ertragen hinzusehen und noch weniger darüber nachdenken, wie viel Angst und Schmerz die Verletzten aushalten mussten. 

Die Schilderungen und Informationstafeln im Museum sind absolut objektiv. Es wird weder versucht den USA den schwarzen Peter zuzuschieben, noch wird verschwiegen, was Japan selber für grausame Taten begangen hat. In dieser Tragödie gibt es wohl nicht den einen Schuldigen. Sicherlich haben die USA mit dem Abwurf der weltweit ersten Atombombe einen Akt der Grausamkeit vollbracht und den Start in eine Welt mit Atomwaffen geschaffen. Allerdings war Japan im 2. Weltkrieg ebenfalls für seine grausamen Taten bekannt und handelte ohne Rücksicht auf Zivilsten. Daher muss bei dieser Geschichte das schwarz-weiß Denken abgelegt werden, es gibt zu viele Facetten und auch wir versuchen das Ganze neutral und objektiv zu betrachten. 

Eine Armbanduhr zeigt 08:15 Uhr an. Sie blieb stehen beim Atombombenangriff auf Hiroshima
verbranntes und verbogenes Dreirad nach Atombomben Angriff in Hiroshima

Fukuromachi Elementary School

Unsere letzte Station ist die Fukuromachi Elementary School. Das Gebäude liegt 460 Meter vom Hypozentrum und somit auch ein paar Gehminuten vom Friedenspark entfernt. Die damalige Schule wurde bei der Explosion nicht komplett zerstört. Die Grundmauern waren erhalten und so wurde in den ersten Tagen nach dem Atombombenangriff, in diesem Gebäude eine Erste-Hilfe Station errichtet. 

Die Wände waren schwarz vom Ruß, den der Feuersturm mit sich brachte. Viele Menschen, die ein Familienmitglied suchten, schrieben den Namen mit Kreide an die Wände, in der Hoffnung diese Person zu finden. Innerhalb kürzester Zeit fanden sich an den völlig verrußten Wänden viele Namen und Botschaften wieder. Nach einigen Wiederaufbauarbeiten, dachte man zunächst, die Schrift auf den Wänden sei verloren gegangen. In späteren Restaurierungsarbeiten fand man die Schriften allerdings wieder. Heute ist die ehemalige Schule eines der wenigen Gebäude in Hiroshima, dessen altes Gemäuer die Atombombe überlebt hat und dient als Museum. Im Keller finden sich noch Gegenstände aus der Schule, die ebenfalls erhalten werden konnten, wie z.B. eine große Trommel und eine Tür mit zerbrochenem Fenster. 

Ein seltsames Gefühl vor den beschrifteten Wänden zu stehen, an denen vor 73 Jahren so viele Menschen so furchtbar verzweifelt gewesen sein müssen. 

Ihr merkt, es gibt einiges in Hiroshima zu sehen. Unserer Meinung nach, sind das aber keine Sehenswürdigkeiten, die schnell abgeklappert werden sollten. Im Museum waren wir fast drei Stunden, in der Schule hat uns ein netter Herr über eine Stunde rumgeführt und an den Denkmälern standen wir auch einige Zeit. Zwischendurch haben wir Pausen gemacht, sind einen Kaffee trinken gegangen oder haben was gegessen. Uns haben diese Orte nicht kalt gelassen und das hat sich natürlich auch auf unsere Stimmung ausgeübt. Grade nach dem Besuch im Museum waren wir so gesättigt mit Informationen und negativen Dingen. Aber das ist ok und auch wichtig. Der Besuch in Hiroshima hat uns wieder einmal gezeigt, wie viel wir durchs Reisen lernen und wie viel wir von den Orten, an denen wir waren, mitnehmen können. Viellicht sollten wir alle ein bisschen mehr an den Frieden in der Welt glauben. 

 

 

 

 

„Travel isn‘t always pretty.

Sometimes it hurt, it even breaks your heart.

But that‘s okay.

The journey changes you - it should change you.

It leaves marks on your memory, on your consciousness, on your heart and on your mind.

You take something with you.

Hopefully, you leave something good behind.“

Anthony Bourdain

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Kommentare: 2
  • #1

    Hildegard van Lier (Samstag, 24 November 2018 15:11)

    Hallo Ihr Lieben, was für eine Geschichte. Und das Schreckliche daran ist, es ist wirklich passiert. Eine Friedensglocke sollte überall, an jedem Ort dieser Welt stehen. Sie sollte überall und eindringlich zu hören sein. Danke für diese beeidruckende Schilderung. Ja, Reisen ist nicht nur Spaß und Unbeschwertheit. Gut das es die Hoffnung gibt. Sie darf niemals sterben. Liebe Grüße und eine gute Weiterreise.

  • #2

    Doris und Hannes (Samstag, 24 November 2018 18:55)

    Gänsehaut pur.....in tausenden Kilometern Entfernung! Danke für euren tollen Blog.....den wir uns "in Freud aber auch in Leid" verinhaltlichen. Habt weiterhin eine gute "Reisezeit", auf unserer einzigartigen Welt, mit so vielen unterschiedlichen Menschen.