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Eigenheiten der Japaner - Einblicke ins kulturelle Liebesleben

Unsere zweite Free Walking Tour ein paar Tage später führte uns in eine andere Ecke von Tokio. Shinjunku gilt als Klein-Akihabara und ist ebenfalls ein großes Entertainment-Viertel. Der dazugehörige Bahnhof ist der verkehrsreichste Bahnhof der Welt und schleust täglich unglaubliche drei Millionen Passagiere durch. 

In Shinjuku findet man die vielen Wolkenkratzer, die man im Rest von Tokio eher suchen muss. Mit 15 riesigen, mehrstöckigen Einkaufszentren gilt Shinjunku ebenfalls als größtes Einkaufsdistrikt in Tokio. 

Nachdem wir endlich, etwas verspätet den Treffpunkt für die Tour gefunden hatten, blickten wir in ein bekanntes Gesicht. Hiroshi war bereits bei der letzten Free Walking Tour unser Guide und zeigte uns auch heute wieder sein Tokio, in der Shinjunku Night Tour. 

Die Witze waren die selben wie bei der letzten Tour und wir erkannten erneute seine Entertainer Qualitäten. 

Wir spazierten durch die bunten Gassen des belebten Viertels. Riesige Werbetafeln, flackernde Lichter und Musik aus jeder Ecke prägten auch hier wieder das Straßenbild. Im Dunkeln nach wie vor ein Hingucker.

Tipp Free Walking Tour Tokio

Tokyo Localized

Viele verschiedene Touren, sehr professionell und informativ 

Shinjuku viele große Gebäude reihen sich aneinander

Die Japaner und die Trinkstuben

Unser erster Stopp führte und zur Omoide Yokoche oder auch Piss Alley. Diese klitze kleine, enge Gasse ist links und rechts besiedelt mit noch viel klitze kleineren Trinkstuben. Die meisten Stuben haben nicht mehr wie ein paar Sitzplätze und so geht man mit seinem Nachbarn auf Kuschelkurs, gewollt oder nicht. 

Wir kannten diese Straße bereits und hatten schon vorher in so einem kleinen Restaurant gegessen. 

Hiroshi erklärt und das viele Japaner hier herkommen um Yakitori zu essen und Bier zu trinken. Yakitori sind Fleischspieße, traditionell mit Huhn. 

Als wenn wir es gewusst hätten, aßen wir vorher in dem Restaurant unter anderem Yakitori und tranken Bier. Das Essen wurde direkt vor unsere Nase zubereitet. Eine tolle Atmosphäre. 

Neben den Fleischspießen bestellten wir Edamame Bohnen und Rind in Zitronensauce, köstlich. Daniel hatte sich das Yakitori Set bestellt und erst später entdeckt, woraus das Set bestand. Zwar kam jedes Spießchen auch vom Huhn, aber mit Magen, Herz und Knorpel hatte er wohl nicht gerechnet. Na gut, nützt ja nix, bestellt ist bestellt. Wir haben alles probiert und es war fast alles sehr lecker. Das Spießchen mit dem Magen haben wir liegen lassen, das war nicht so unser Geschmack. 

Als wir das erste Mal durch die Omoide Yokoche liefen, waren wir etwas verwirrt, weil jede Stube diese Spießchen und somit das Gleiche anbot, aber nun wissen wir ja warum. 

Omoide yakoche in Tokio. Bunte Lampen rechts und links und eine Schmale Gasse führt mitten durch
Fleischspiesse auf einem Grill werden mit Stäbchen gewendet

Rote Lampe, sehr dreckig

Die Japaner und das Rotlichtviertel

Bevor wir zu unserem nächsten Stopp liefen, erinnerte Hiroshi uns daran, dass Japan nach Singapur und Luxemburg das 3. sicherste Land der Welt sei. In ganz Tokio kann man sich sehr sicher bewegen, zu jeder Tages- und Nachtzeit und in jeder noch so dunklen Gasse. 

Einzig und allein in Kabukicho sollte man etwas vorsichtig sein und das war unser nächstes Ziel. Na will er uns jetzt beruhigen oder warum sagt er das mit dem 3. sichersten Land? Er beruhigt uns: Nur weil man in Kabukicho  unterwegs ist, heißt es nicht das man mit Raub, Gewalt oder Mord rechnen muss, aber hier wird man halt mal gerne übers Ohr genauen und muss dann tief in die Tasche greifen. 

Kabukicho ist das Vergnügungs- und Rotlichtviertel in Tokio und fest in der Hand der japanischen Mafia, den Yakuzas. Unter anderem hat die Mafia hier ihre Hauptzentrale von der alle Geschäfte gesteuert werden. 

Die Schlepper vor den Restaurants, Bars und Clubs arbeiten alle für die Mafia und locken die Gäste mit verlockendem Preisen in ihr Etablissement. Möchte man dann die Rechnung begleichen, trifft einen der Schlag, weil die Preise um ein Vielfaches höher sind, als vorher vereinbart. Diskutieren nützt nichts. Aus diesem Laden kommt man erst lebend raus, wenn man zahlt. 

Hiroshi führt uns durch einige Straßen in dem Viertel und entweder ist es Einbildung oder die Japaner sehen hier wirklich ganz anders aus als im Rest von Tokio, irgendwie bedrohlicher. Einige der Türsteher haben einen dünnen Oberlippenbart und lange Haare. Ein Erscheinungsbild, welches wir bisher selten bei dem Japanern gesehen haben. So stellt man sich wohl einen japanischen Schurken vor. 

1958 ist in Japan die Prostitution verboten worden. Im Kabukicho kann man trotzdem, natürlich teilweise illegal, seinen Spaß haben. Von Massagesalons mit Happy End, über Stripclubs bis hin zu gewöhnlichen Puffs. Ist jetzt nicht so wirklich spannend und anders. Das kennen wir ja auch von der Reeperbahn. Was wir aber wirklich erstaunlich fanden waren die vielen Infocenter. Wenn man also hier ins Rotlichtviertel kommt und vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht, bzw. nicht weiß, in welches der vielen Etablissements man denn jetzt gehen soll, kann man so ein Infocenter besuchen. Am Schalter offenbart man dann seine Vorlieben und Wünsche und die Angestellten zeigen einem dann in einem Heftchen die besten Optionen dafür, inklusive ein paar Bilder der Damen, so als Vorgeschmack. 

Unsere Gruppe starrt Hiroshi nach dieser Information mit offenem Mund an. Das ist doch so was von skurril. Aber Hiroshi ergänzt nur: „Ihr seid in Japan, hier ist alles strukturiert und organisiert, selbst das Rotlichtviertel.“ Verrücktes Land. 

Die Japaner und die Love Hotels

Nachdem wir die Hauptstraße von Kabukicho hinter uns gelassen haben, gelangen wir in eine Ecke in der sich unheimlich viele Love Hotels befinden. Die Love Hotels können entweder für zwei Stunden, einen halben Tag oder mit Übernachtung gebucht werden. Von außen sehen sie sehr schick und keineswegs schmuddelig aus, wie man sich ein Stundenhotel eventuell vorstellt. An manchen Hotels sind Bilder der Zimmer vorne angeschlagen. Auch hier sieht alles wie in einem luxuriösen Hotel aus. 

Hiroshi erklärt uns, dass nicht nur Prostituierte mit ihren Gästen hier herkommen, sondern auch viele Pärchen. Die Wände in den Wohnungen sind so dünn, dass an ausgelassenen Spaß nicht zu denken ist. Was soll denn der Nachbar denken? Deswegen mieten die Pärchen sich regelmäßig in solche Hotels ein und können die Sau raus lassen. 

Die Japaner und die Hostess Clubs

Neben dem horizontalen Gewerbe und den Love Hotels existieren dann noch die Hostess Clubs. Hier bezahlen Männer und Frauen Eintritt um ihre Zeit mit männlichen oder weiblichen Hostessen zu verbringen. 

Die Hostessen sind elegante, gut aussehende und durchgestylte Männer oder Frauen. Schon der Eintritt in solche Clubs ist ziemlich teuer. 

Meist besuchen die Japaner mit ihren gleichgeschlechtlichen Freunden, Kollegen oder Geschäftskunden einen Hostess Club. Es dauert dann auch nicht lange bis sich einige Hostessen zu der Gruppe gesellen. In der Regel pro Gast mindestens eine Hostess. Er oder sie widmet dem Gast die ungeteilte Aufmerksamkeit, zündet Zigaretten an und schenkt Getränke nach. Es wird versucht den Gast charmant zu teueren Champagner oder Wein zu überreden. Die Rechnungen für einen solchen Abend sind daher ziemlich hoch. Es geht den Kunden tatsächlich nur um die Aufmerksamkeit, die Gesellschaft und um das Machtgefühl sich so einen Spaß leisten zu können. Es gibt keine körperliche Zuneigung.

So manch ein Gast verliebt sich in die Schönheit und verfällt in eine Art Obsession. Hiroshi erklärt uns, dass dieses Verhalten sogar relativ häufig vorkommt und die Hostessen sehr geübt darin sind, den Kunden in den folgenden Wochen und Monaten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Sie wünschen sich teure Accessoires und Kleidung, möchten schick zum Essen ausgeführt werden und ziehen nach einer Zeit zu einem noch spendableren Kunden weiter. 

Die Hostess Clubs sind interessanterweise bei Männern und Frauen gleichermaßen beliebt. Sehen die weiblichen Hostessen aus, wie aus einem Manga entsprungen, tragen die männliche Hostessen seltsamen Frisuren und könnten damit Mitglied in einer Boyband sein. 

Die Japaner und das Flirten

Wenn denn nun ein ganz normaler Mann, eine ganz normale Frau kennen lernen möchte, ist das gar nicht so einfach. 

In Japan ist üblich, wenn man mit seinen Freunden abends ausgeht, sich auch den ganzen Abend nur mit dieser Gruppe zu unterhalten. Sollte man doch mal einen kurzen Flirt außerhalb der Gruppe wagen, ist der Rest der Gruppe schnell eingeschnappt. Das gehört sich in Japan einfach nicht. 

Hiroshi erklärt uns, dass er es als japanischer Single Mann also gar nicht so einfach hat. 

Um nun doch mal in Kontakt mit dem anderen Geschlecht zu kommen, gibt es sogenannte Kompa Partys, quasi Gruppendates. Die gleich Anzahl Männer und Frauen verabredetet sich bewusst um sich kennenzulernen und zu flirten. 

Und da wundert sich noch einer, dass der demographische Wandel vor Japan auch nicht Halt macht und alle sich über den mangelnden Nachwuchs beschweren. Scheint ja zwischen Love Hotels, diversen Sitten und Kompa Partys gar nicht so einfach zu sein, jemanden für die Familienplanung zu finden. 

Die Japaner und der letzte Absacker

Nach so vielen verwirrenden und skurrilen Einblicken in das Liebes- und Nachtleben der Japaner spazieren wir gemütlich zu unserem letzten Stopp der Tour. Wer hätte das gedacht, solche Informationen zu bekommen? Sehr schräg. 

Im Golden Gai Viertel befinden sich viele kleine Gassen mit über 200 Bars. Eine Bar hat meist nur Raum für eine Handvoll Menschen und so wird es auch hier relativ schnell sehr eng. Hier treffen sich die Japaner auf einen letzten Absacker, bevor sie in der Omoide Yokoche schon mit Bier und Yakitori vorgeglüht haben.

Im Golden Gai muss auch eine schwere Entscheidung getroffen werden: Gehen oder Bleiben? Der letzte Zug fährt um 0 Uhr und der erste erst wieder um 6 Uhr. Daher wird es gegen kurz vor 0 Uhr nochmal richtig voll am Shinjunku Bahnhof. Denn wer den Zug verpasst, muss wohl oder übel die Nacht in diesem Viertel verbringen, laufen oder mit dem Taxi fahren. Aber gehen wir mal davon aus, dass der mittlerweile angeheiterte Japaner den letzten Zug verpasst hat und somit bis 6 Uhr warten muss. Wohin geht er? Was macht er solange?

Hiroshi klärt uns auf: Er geht in eine Karaoke Bar. Diese Bars haben mehrere Räume, die man mieten kann. Wer will, kann sich Kostüme aussuchen und verkleidet, sein Gesangstalent zum besten geben und danach noch ein kleines Nickerchen machen. Auch diese Information lässt Japan und das japanische Volk alles andere als normal wirken. Fantastisch verrückt. Ich glaube, wenn ich Japan mit einem Wort beschreiben müsste, wäre "verrückt" auf jeden Fall sehr weit vorne in der Auswahl. 

 

Wir kamen glücklicherweise nicht in die Bredouille, in einer Karaoke Bar übernachten zu müssen und fuhren mit dem Zug zurück ins Hostel. Raus aus diesem verdrehten, zwielichtigen und interessanten Viertel Shinjunku. 

Strasse in Tokio mit unmengen blinkender und leuchtender werbetafeln
Golden Gai Gasse

Kommentare: 1
  • #1

    Doris und Hannes (Sonntag, 11 November 2018 14:57)

    Und wir waren der Meinung, nur in Deutschland wird alles exakt geplant und nach "preußischem Ritual" bis ins letzte Detail geregelt. Kompliment, wie ihr eure Berichte "rüberbringt", von der beheizbaren Klobrille über die kulturelle Geschichte ins Rotlichtviertel, wir werden jetzt erst einmal "Bildungsurlaub" beantragen.
    Habt weiterhin gute und interessante Begegnungen und lasst uns auch weiterhin teilhaben, Dankeschön, passt auf euch auf.